Warum bekommen FLINTA oft erst als Erwachsene ihre Autismus-Diagnose?
FLINTA (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen) erhalten häufig deutlich später eine Autismus-Diagnose als (cis) Männer. Der Grund ist historisch bedingt: Die ersten Forschung (z.B. von Hans Asperger) wurden vor allem an Jungen durchgeführt – Mädchen wurden meist andere Gründe für ihr Verhalten zugeschrieben. Dadurch entstand eine Art Teufelskreis: Es wurden Diagnostig-Kriterien anhand von Jungen erstellt, die dann wiederum vor allem auf Jungen zutrafen. So wurden lange mehrheitlich Jungen diagnostiziert und weitere Forschung fand entsprechend weiter an diesen diagnostizierten Jungen statt.
Das Verhältnis von autistischen FLINTA zu autistischen Männern wurde im Laufe der Jahre immer wieder korrigiert, mittlerweile geben umfangreiche Meta-Studien an, dass ein ausgeglichenes Verhältnis von 1:1 realistisch sei1. Vor allem im Kindesalter werden aber weiterhin mehr Jungen mit Autismus diagnostiziert – FLINTA erhalten ihre Diagnose im Schnitt deutlich später.
Nicht binäre und trans Personen sind in den Studien häufig (noch) gar kein Thema, obwohl autistische Menschen häufiger genderqueer sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Daher sollte der Einsatz für Autismus immer auch Hand in Hand mit dem Einsatz für queere Rechte und Sichtbarkeit einhergehen.

Autistische FLINTA in Büchern, Filmen und Serien
Egal ob Rainman, The Good Doctor oder Atypical – autistische Personen sind in den Medien häufig weiß und männlich. Dies spiegelte lange die gesellschaftliche und medizinische Sicht, dass Autismus häufiger bei Jungen auftritt und entsprechend auch mehr männliche Personen diagnostiziert wurden. Von daher ist es nicht verwundertlich, dass genau dieses Bild auch in Filmen, Serien und Büchern dargestellt wird.
Natürlich gibt es auch schon seit einiger Zeit Repräsentation von weiblichen Autistinnen, wie in der Krimi-Serie „Die Brücke“. In aktuelleren New Adult-Serien finden sich sogar immer häufiger autistische Frauen. Trotzdem sind insbesondere autistische Hauptpersonen, die weiblich oder trans sind, weiterhin seltener.
Einen weiteren Punkt finde ich auffällig: Oft ist nur eine Person in der Geschichte autistisch. Dabei zeigt die Lebensrealität der meisten neurodivergenten Menschen, dass Parnerschaften und Freundschaften vor allem zwischen neurodivergenten Menschen geschlossen werden. Und da sowohl Autismus als auch ADHS vor allem erblich sind, wundert es, dass nicht mehr Familienmitglieder in Geschichten ebenfalls neurodivergent sind. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, insbesondere dort, wo Diagnosen nicht klar benannt werden, ich persönlich mag besonders den Film „Die Mitchells gegen die Maschinen“ – eine Familie, bei der alle Familienmitglieder neurodivergente Züge haben.
Und zu guter letzt nervte es mich immer, dass die autistischen Personen meist von „außern“ betrachtet dargestellt werden. Den Lesenden bzw. dem Publikum wird nur das Verhalten gezeigt, besonders gerne so, dass es für Lacher oder Stirnrunzeln sorgt. Es soll zeigen: Seht nur, so komisch und anders verhalten sich autistische Leute! Selten bekommen wir die volle Einsicht, was in der Person tatsächlich vorgeht. WARUM sie bestimmte Entscheidungen trifft oder sich so verhält.
Was macht die Repräsentation von Autismus bei „Mord im Spektrum“ anders?
In „Mord im Spektrum“ sind fast alle handelnden Figuren Frauen bzw. FLINTA. Viele von ihnen sind neurodivergent, die meisten autistisch, manche haben zusätzlich ADHS. Die Geschichte spielt damit in einem Setting, in dem Neurodivergenz die Norm ist und nicht die Besonderheit einer einzelnen Person.
Die Geschichte wird aus Sicht der Hauptfigur Tony erzählt. Wir erleben ihre inneren Monologe, ihre Ängste: Jeder Gedanke wird aus ihrer Sicht geschildert – nicht von außen interpretiert. Damit erhalten die Lesenden einen sehr persönlichen und intimen Einblick, in dem sich vielleicht manche (insbesondere selbst neurodivergente) Lesende wiedererkennen können.

Hörspielliebe
Warum liebt Tony Hörspiele und welche Rolle spielt das bei „Mord im Spektrum“
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Quellen
1 Time trends in the male to female ratio for autism incidence: population based, prospectively collected, birth cohort study
(https://www.bmj.com/content/392/bmj-2025-084164):
„Conclusion Findings indicate that the male to female ratio for ASD has decreased over time and with increasing age at diagnosis. This male to female ratio may therefore be substantially lower than previously thought, to the extent that, in Sweden, it may no longer be distinguishable by adulthood. This finding highlights a need to investigate why girls and women receive diagnoses of ASD later than boys and men.“

